Wenn die Pfarrkinder mit ihrem Pfarrer nicht zufrieden sind

Aus dem Heimatkalender des Kreises Soest von 1954

Die Bauern, die an einem Maienabend in der Schenke neben der Kirche von Ostönnen einträchtig beieinander saßen, hätten wohl alle Ursache gehabt, mit ihrem Los zufrieden zu sein. Dem Wüten des Dreißigjährigen Krieges war schon seit einigen Jahren durch den Frieden von Münster und Osnabrück ein Ende gesetzt worden, und manche Wunde hatte seitdem ihre Heilung erfahren. Die Saaten standen in diesem Frühling besonders prächtig, und die Obstblüte war bei warmem Wind und Sonnenschein zu einer so schnellen Entwicklung gekommen, dass die Frucht wohl schon mal eine kalte Nacht vertragen konnte.

Allerdings hatte man nun aber auch mit solchen Nächten zu rechnen; denn der Wind war umgeschlagen, und ein feuchtkalter Nordwest wehte scharf über das Land. Doch deswegen saßen ja jetzt auch die Bauern dichtgedrängt vor dem warmen Kamin in der Küche der Schenke und hielten volle Krüge und Becher in ihren Händen.

Das Gespräch kam bald zu ihrem Lieblingsthema, dem Großen Krieg. Viele von ihnen waren als Soldaten unter allen möglichen Fahnen mit dabei gewesen. Einige hatte der Pfarrer Thomas Grote damals – es war anno 1633 – mitgenommen, als er das niedergebrannte und verarmte Dorf, weil es ihn nicht mehr ernähren konnte, verließ, um als Feldprediger zu den Schweden zu gehen. 12 Jahre hatte er bei ihnen gedient. Dann war es ihm unmöglich gewesen, dem Heimweh länger zu widerstehen.

Thomas Grote war immer ein tapferer Mann. Wo die Kugeln am dichtesten pfiffen, fühlte er sich am wohlsten, und nie war es ihm in den Sinn gekommen, einen Verwundeten in der Schlachtlinie ohne den Trost des Gotteswortes und Sakramentes liegen zu lassen. Als Anerkennung für alle tapferen Dienste hatte sein Obrist ihm darum auch erlaubt, den silbernen Abendmahlskelch mit dem schwedischen Wappen darauf mit in die Heimat zu nehmen. Wie feierlich war doch den Bauern jedes Mal zumute, wenn er ihnen gereicht wurde.

Aber eins konnten sie an ihm nicht verstehen: Warum war ihm sein Kirchspiel nicht groß genug? Dass er so gern durch die „Lange Meile“ nach Schwefe ritt, mochte noch angehen; denn dort im Küsterhaus hatte seine Wiege gestanden. Dort war er herangewachsen. Dort ruhten auch die Eltern. – Aber warum ritt er so oft durch „die Schlenke“ nach Sieveringen? Was hatte er da zu suchen. Das Dorf gehörte schon seit 1580 nicht mehr zum Kirchspiel Ostönnen; denn damals hatten die Sieveringer den alten Glauben wieder angenommen.

Und noch eins hatten die Pfarrkinder an ihrem Pfarrer auszusetzen: Er hatte sich im Krieg eine etwas zu raue Sprache angewöhnt, so wie sie sich nach ihrer Meinung für einen gelehrten Herrn nicht geziemt. Da waren die Schwefer Nachbarn besser daran. Bei ihnen war Goswin Mollerus Pfarrer. Dem merkte man gleich an, dass er im Pfarrhaus zu Lippstadt eine vornehme Erziehung und vorzügliche Ausbildung genossen hatte. Wie fein und zierlich setzte er seine Worte in der Predigt und mischte sie mit lateinischen, französischen und manchmal sogar spanischen Redewendungen. Es ging den Ohren ein, wie eine liebliche Musik.

Thomas Grote dagegen sprach nur immer grobes Deutsch, auch von der Kanzel. Ja, mitunter verfiel er selbst in der Predigt in sein geliebtes Plattdeutsch, gleichsam als ob seine weit umhergekommenen Bauern nichts anderes verstehen könnten. Sie wussten alle, dass er schwedisch wie seine Muttersprache gelernt hatte. Warum denn sprach er nie ein einziges schwedisches Wort?

„Das will er nicht, und Latein kann er nicht“, rief unwillig ein Bauer aus. „Doch, er kann Latein“, tönte sofort eine tiefe Stimme hinter ihm.

Alle schauten sich nach dem Sprecher um, der nur Thomas Grote selbst sein konnte. Er stand da wie aus der Erde gestiegen in seinen Stulpenstiefeln und dem schwarzen fadenscheinigen Reitermantel um die Schultern. Seine von Kälte und Nässe geröteten Hände hielten ein Glas Branntwein. „Ich will mit euch Lateinisch reden! Hört zu! Schlencus,  quacus,  dolus! Was heißt das?“ „Keine Antwort? Ihr wisst das nicht? Das heißt:  in der Schlenke quakt eine Dohle.“ – „Ja, es ist so, wie ich euch sage; ich habe sie vorhin selbst gehört.“ – „Doch lassen wir das Lateinische! Ihr versteht es ja doch nicht. Quakt nicht mehr davon!“, sprachs, stürzte sein Glas herunter, warf dem Schankwirt ein Geldstück zu und verschwand, wie er gekommen war.

Man sagt, dass seit der Zeit die Ostönner mit ihrem Pfarrer zufrieden gewesen seien. Wenn aber doch noch einer etwas zu quaken hatte, dann tat ihn ein anderer gleich mit den Worten ab:

„Schlencus,  quacus,  dolus!“