Johann Patroclus Möller

J.P. Möller und die Orgel in Ostönnen

Ostönnen hatte für den Start der Karriere Johann Patroclus Möllers, des später berühmten westfälischen Orgelbauers, eine originelle Bedeutung. Möller hatte seinen allerersten Auftrag bekommen, den Neubau einer Orgel für die Soester Thomaekirche (die mit dem schiefen Turm), aber er war mit 21 Jahren noch so jung, dass sein Vater den Vertrag unterzeichnen musste. Das war 1720. Der Preis für die neue Orgel war zweifellos das Ergebnis harter Verhandlungen: 650 Reichstaler bei Inzahlungnahme der alten ruinösen Orgel für 50 Taler! Für Möllers ersten Geschäftserfolg kam es also auf eine günstige Verwertung des alten Instruments an. Die evangelische Gemeinde in Ostönnen suchte damals so etwas, sie konnte sich eine neue Orgel nicht leisten. Möller stellte den Ostönnern das alte Stück hin, brachte es technisch und äußerlich einigermaßen „auf Vordermann“, kassierte 200 Taler — und allen war geholfen. Wie sind die genannten Summen zu bewerten? In jener Zeit (wenige Jahre früher) wurde J. S. Bach die Organistenstelle der Marktkirche in Halle/Saale mit einem Jahresgehalt von ca. 170 Talern angeboten; für 20 Taler mehr blieb Bach in Weimar. Der gleichaltrige Händel, zu der Zeit schon ein Star, hatte am Hofe von Hannover sogar ein Gehalt von 1000 Talern bezogen.

Übrigens ist die damals neue Orgel von St. Thomae, die 1725 fertiggestellt wurde, heute nicht mehr erhalten, wogegen die damals schon alte Orgel von St. Andreas in Ostönnen dank der bis heute andauernden Geldknappheit der Gemeinde ohne größere Veränderungen immer älter werden konnte und heute als orgelhistorische Delikatesse gilt!

J.P. Möller, ein Lippstädter aus Soest

Johann Patroclus Möller wurde in Soest geboren; sein Name findet sich in der hier angewandten Schreibweise im Taufregister der evangelischen Hohnekirche-Gemeinde („Maria zur Höhe“) vom 19. September 1698. Sein Vater, Mertin Möller, war ein hochangesehener Soester Kunsttischler, der seinem Sohn eine gute handwerkliche, aber auch eine Organisten-Ausbildung zukommen lassen hatte. Deshalb griff J. P. Möller zu, als er 1720 in Lippstadt an der Kleinen Marienkirche eine Stelle als Organist und Küster übernehmen konnte — wie seinerzeit üblich um den Preis der Heirat der Tochter des verstorbenen Amtsvorgängers. Diese seine erste Frau starb schon 1732, nachdem sie vier Kinder geboren hatte, von denen drei das Schulalter nicht erreichten. Als zweite Frau heiratete Möller die Tochter des Organisten der Großen Marienkirche mit der Folge, dass er schließlich auch dort das Organistenamt „erbte“. Die zweite Ehe endete nach 11 Jahren ebenfalls mit dem Tod der Frau, die wie ihre Vorgängerin vier Kinder zur Welt gebracht hatte, von denen wiederum nur eins erwachsen wurde. Auch von den drei Kindern der dritten Ehe schaffte nur eins gerade mal den 4. Geburtstag. So sahen in jener Zeit viele Familien-Schicksale aus!

Immerhin war J. P. Möller also schon Lippstädter Bürger (was er für den Rest seines Lebens auch blieb), als er die alte Thomae-Orgel in Ostönnen installierte; am 11. Oktober 1722 war die Einweihung. Dass Möller neben den beiden genannten Organistenämtern noch seine Werkstatt leiten und als Orgelbauer so qualitätsvoll und ungemein produktiv arbeiten konnte, weist ihn als „Arbeitspferd“ von künstlerischem Rang aus. Über 15 Orgel-Neubauten werden ihm zugeschrieben; nimmt man Umbauten und Restaurierungen hinzu, kommt man auf reichlich 40 Aufträge, und das sowohl von evangelischen, als mehr noch auch von katholischen Auftraggebern.

J.P. Möllers Werk

Standorte für noch erhaltene J. P. Möller-Orgeln sind Rüthen-Hoinkhausen, Marienfeld, Marienmünster, Büren (früher Böddeken), und Welver (früher St. Walburgis, Soest). In der Soester Hohnekirche steht eine Möller-Reproduktion. Bei der bis vor kurzem Möller zugeschriebenen (Springladen-) Orgel aus dem Kloster Dalheim, die im Zuge der Säkularisierung gegen 1803 nach Borgentreich kam, wo sie heute, in der katholischen Pfarrkirche, neben dem Orgelmuseum eine Attraktion darstellt, handelt es sich nach neuesten Expertisen um ein Instrument aus der Werkstatt Bader. Die größte westfälische Barockorgel überhaupt schuf er für den Dom in Münster, dieses sein vielleicht wichtigstes Werk wurde leider 1943 völlig zerstört. Weitere nicht mehr vorhandene Orgeln von J. P. Möller gab es an den Standorten Hamm, Herford, Bielefeld, Geseke, Iserlohn, Kirchborchen, Kleve, Münster, Paderborn, Soest (die oben erwähnte Orgel in St. Thomae) und Werl.

J.P. Möller – immer noch aktuell

24 Jahre alt war Johann Patroclus Möller, als er seinen ersten Auftrag, den Umbau der Orgel in Ostönnen, abschloss. Knapp 74 Jahre war er, als er 1772 „an einem auszehrenden Fieber“ starb. Der in Soest geborene „Orgelbauer aus Lippstadt“, wie er sich selbst in Signaturen bezeichnete, war nach Prof. Rudolf Reuter, dem 1983 verstorbenen ehemaligen Leiter der Orgelwissenschaftlichen Forschungsstelle der Universität Münster, „Westfalens bedeutendster Orgelbauer im 18. Jahrhundert“. Eine entsprechende Würdigung erfuhr er zuletzt durch das „1. Johann Patroclus Möller Festival“, das im September 1998 zu seinem 300. Geburtstag stattfand und v. a. durch den Soester Dr. Kalipp koordiniert wurde. Dieses Festival führte zahlreiche renommierte Orgelexperten zu Stätten, die an Möller erinnern, beispielsweise zu der Rowan-West-Orgel von 1994 in Bielefeld-Brackwede, in der Möllers Prinzipien in heutiger Zeit erneut angewandt wurden, aber natürlich auch zur Orgel von St. Andreas in Ostönnen, die zunehmend ins Zentrum orgelgeschichtlichen Interesses rückte.

So waren in 2002 die Weichen gestellt dafür, die Restauration der Ostönner Orgel, die aus technischen Gründen ohnehin dringend erforderlich war, authentisch, also im Stil ihrer Schöpfer, anzugehen. Pfarrer Volker Kluft war der unermüdliche „Motor“ dieses Vorhabens. Bei den vorbereitenden Untersuchungen ergab sich, dass die Orgel um 1430 herum gebaut sein muss und in ihrer Substanz noch weitgehend ihre sensationelle Entstehungszeit repräsentiert, die sie zur ältesten spielbaren Orgel der Welt macht! Nach aufwändiger und liebevoller Restauration durch Rowan West wurde dieses von Johann Patroklus Möller an uns weitergereichte Kleinod am 8. November 2003 in einer großartigen Feierstunde erneut eingeweiht – mit Werken aus dem 15. und 16. Jahrhundert, gespielt von Prof. Harald Vogel.

Literatur:

Wulfhorst, Ulrich: „Der westfälische Orgelbauer Johann Patroclus Möller — Teil 1, Leben und Werk“, Bärenreiter-Verlag, 1967
Döhring, Klaus: „Johann Patroclus Möller“, in Ars Organi 2/1998, Mettlach 1998
Kalipp, Wolf: „Johann Patroclus Möller (1698 — 1772)“, in Programmbuch „300 Jahre Johann Patroclus Möller, Orgeln und alte Musik in Westfalen und Lippe, 1. Festival vom 5. bis 20. September 1998“, Soest 1998
Fleinghaus, Helmut:  http://kirche.ostoennen.de/orgel/restaurierungsbericht/

Dr. Jobst H. Meyer zu Bexten